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20 Fenster, 15 verschiedene Masse - ein Haus mit Charakter

 

Wer 20 Fenster zählt und feststellt, dass 15 davon ein je verschiedenes Mass haben, ahnt: Hier war kein gewöhnlicher Bauherr am Werk. An der Rigistrasse 90 stand einst ein Haus, das wahrscheinlich so eigenwillig war wie sein Schöpfer. 

 

Erbaut um 1933 von einem „Küttel vom Bodenberg“, später übernommen von der Familie Schilliger, war das Gebäude ein architektonisches Unikat. Im Dachgeschoss lagen zwei mit Täfer verkleidete Zimmer - säuberlich getrennt links und rechts. Und in der Mitte? Ein Dach, welches mit Ziegeln nicht doppelt sondern nur einfach gedeckt worden ist. Zwischen den Ziegeln waren die Schindeln verfault. So flockte im Winter der Pulverschnee zwischen den Ziegeln herunter. Der Weg von einem Raum zum andern führte dann über eine dünne Schneedecke. Die unterschiedlichen Fenster- und Türmasse lassen vermuten, dass diese Teile des Hauses aus Abbruchobjekten gesammelt und wiederverwendet wurden – Nachhaltigkeit aus Kostengründen..

 

1979 übernahm Otto Schilliger das Haus seines Vaters. Für den gelernten Möbelschreiner war es mehr als ein Gebäude - es war Kindheit, Erinnerung, Verpflichtung. Also begann er, das Kuriosum auf Vordermann zu bringen. Fenster wurden isoliert und ersetzt - fast jedes in einem anderen Mass. Die verschieden grossen Türen mit unterschiedlichen Farbanstrichen verschwanden, neue kamen hinzu. Moos, altes Zeitungspapier, Zement und anderes mehr bröckelten beim Herausbrechen des Täfers durch Otto Schilliger heraus. Nicht immer gelangen die Neuerungen, so brachte der alte Betonkamin durch sein Gewicht den Boden zum Absinken. 

 

Es war ein jahrelanger Kampf gegen das Alter und gegen die Statik des Hauses - und vielleicht auch gegen die Vernunft. Drei Jahrzehnte lang erneuerte Otto Schilliger unermüdlich ein Einzelteil seines Hauses nach dem anderen. 

 

2011 dann der Entscheid: Abriss. „Als ich es beschlossen hatte, war klar: Jetzt passiert’s,“ Drei Wochen vor dem Start fuhr er mit seiner Frau in die Ferien. Geblieben ist die Geschichte eines Hauses, das nie ganz gerade war - und eines Mannes, der es trotzdem geradebiegen wollte.

 

 

Aufgezeichnetes Gespräch mit Otto Schilliger-Dreyer vom 19. Februar 2026

Inventarnummer 10870, digitales Archiv / Karin Bernath